Die Jahre vor der Jahrhundertwende

Ab 1860 bis kurz nach dem ersten Weltkrieg wanderten viele junge Männer aus dem Dorf nach Amerika aus, denn hier in Wiesedermeer gab es keine Siedlungsmöglichkeiten mehr. Mit einigen ausgewanderten Familien von hier stehen wir noch immer in Verbindung. Die meisten Auswanderer haben es drüben wirklich zu etwas gebracht, denn sie waren ja harte Arbeit gewöhnt, und besitzen heute große Farmen oder haben einen guten Arbeitsplatz. Gerne besuchen die Enkel und Urenkel jetzt wieder die Urheimat ihrer Vorfahren. Insbesondere interessieren sie sich für die alte Kirche in Reepsholt, wo ihre Groß- und Urgroßväter getauft worden sind.

Mehrere Bewohner des Dorfes bauten sich in dieser Zeit große Imkereien auf, denn durch das umliegende weite Moor mit seinen großen Heideflächen brachten die Bienen einen sehr guten Ertrag. Im Frühsommer wurden die Bienenvölker in ihren Strohkörben in die Marsch gebracht zur Raps- und Kleeblüte. Im Herbst war dann in der Gastwirtschaft Westerholt in Klein-Wiesedermeer der sogenannte Honigmarkt Hauptkäufer war der Bäckermeister Henschen aus Esens, der den sehr aromatischen Honig für seine bekannten Honigkuchen gebrauchte. Doch auch Juden aus Aurich waren als Käufer da, denn die Juden hatten damals fast den gesamten Handel mit allem in Ostfriesland in der Hand.

Seit der napoleonischen Besatzungszeit bis zum Krieg 1866 gehörte Ostfriesland zum Königreich Hannover. Erst nach dem verlorenen Krieg gegen Preußen 1866 kam Ostfriesland zum drittenmal unter preußischer Herrschaft als Regierungsbezirk Aurich. Somit mußten auch sieben junge Männer aus Wiesedermeer am Krieg 1870/71 teilnehmen. Zwei von ihnen sind gefallen. Ihre Namen stehen auf dem alten Gedenkstein.

Nach Inkrafttreten des Personenstandgesetzes vom 6. Februar 1875 war der Gemeindevorsteher zugleich staatlicher Standesbeamter. Für das ganze Amt Friedeburg wurde aufgrund dieses Gesetzes ein weltliches Standesamt in Reepsholt eingerichtet als Rechtsnachfolger des kirchlichen Standesamtes in Reepsholt. Für die Gemeinde Wiesedermeer wurde ihr Gemeindevorsteher erst im Jahre 1924 zugleich Standesbeamter.

Eine neue Einnahmensquelle erschloß sich für die Kolonisten in Klein-Wiesedermeer, als der Ems-Jade-Kanal in den Jahren 1880 bis 1888 gebaut wurde. Viele ostfriesische Arbeiter waren froh, Beschäftigung und Verdienst beim Kanalbau zu finden. Zur Arbeit mußten die Kanalarbeiter Spaten und Schubkarren mitbringen. Die Unternehmer brachten auch Arbeiter mit aus Polen, Pommern, Holland und aus dem Lipperland. Anbei eine Abschrift aus dem Buch ,,100 Jahre Ems-Jade-Kanal": ,,Upschört, 15. Juni 1880. Die Arbeiten des 50 m breit in Angriff genommenen Ems-Jade-Kanals westlich übers Hochmoor nach Wiesens sind die ganze Linie entlang ein Meter tief ausgeführt und soll jetzt mit dem zweiten Meter der Tiefe begonnen werden. Die Arbeit wird jetzt schwieriger und soll per Kubikmeter mit 30 Pf. statt bisher 28 Pf. bezahlt werden, was vielen nicht genügend erscheint und bei vielen schon eine Arbeitseinstellung zur Folge hat. An der Kanallinie sind zahlreiche Buden aufgebaut, in welchen durch Gast-, Speise- und Schankwirtschaft sowie Krämerei ein bedeutender Geldumsatz erzielt wird. Durch den Kanalbau herrscht jetzt ein reges Leben in der Geschäftswelt der hiesigen Gegend." Da es vielen Arbeitern in den Unterkunftsbaracken zu unruhig war, suchten sie sich anderweitig ein Quartier. Zwischen Wiesens und Wiesedermeer standen weiter noch keine Häuser, so war es verständlich, daß sie in Klein-Wiesedermeer bei den Kolonisten im Sommer in den Scheunen oder in ein paar Butzen (Schlafkojen) Unterkunft und Verpflegung fanden. So mancher Thaler wurde damit zusätzlich eingenommen. Das Geld saß bei vielen Arbeitern sehr locker. Ihr Sprichwort wäre gewesen: ,,Das liebe Brot, es ist es wohl wert, daß man es an beiden Seiten beschmeert." Und war das Geld knapp, hieß es: ,,Das liebe Brot, es schmeckt allein, Butter braucht nicht drauf zu sein." Mehrere der Kanalarbeiter haben hier Familien gegründet und sind hier seßhaft geworden.