Die Mühle - das Wahrzeichen von Wiesedermeer

Neben den Kirchen prägen seit Jahrhunderten Mühlen unsere an markanten Baudenkmälern arme Region. Allein im Königreich Hannover drehten im Jahre 1861 760 Windmühlen kraftvoll ihre Flügel. Im Jahre 1953 zählte Niedersachsen nur noch 150 Windmühlen unterschiedlichster Bauart.

Besonders im flachen und windreichen Ostfriesland war das ehemals technische Wunderwerk geeignet, Korn zu mahlen, zu schälen oder zu quetschen, Holz zu zersägen und Wasser zu schöpfen. Leider wurden die Windmühlen ihrerseits Opfer der fortlaufenden technischen Entwicklung. Der kostengünstigere und von Windverhältnissen unabhängige Elektro- oder Dieselmotor ließ der Windmühle keine Überlebenschance. Das Mühlensterben tratein, und nur wenige Kommunen, Heimatfreunde und Vertreter des Müllerhandwerkes haben es verstanden, einige Windmühlen für unsere und nachfolgende Generationen zu retten und zu erhalten. Diesen weitsichtigen Beschluss faßten im Jahre 1960 auch die Verantwortlichen aus Wiesedermeer, als sie die Wiesedermeerer Windmühle vor dem Untergang bewahrten und für 2000 DM an das Deutsche Museum in München verkauften. Für den Transport und den Wiederaufbau der Mühle mußten die Bayern noch zusätzlich rd. 60 000 DM auf den Tisch legen. Heute bildet die 120jährige ostfriesische Erdholländerwindmühle einen besonderen Blickpunkt im großflächigen Freigelände des Deutschen Museums für die fast 1,5 Mio. jährlichen Besucher. Der achtkantige Sockel ist aus Klinkern gemauert, der Turm und die Kappe mit Reith gedeckt. Zwei Mahlgänge - ein Schrotgang und ein Schälgang - befinden sich betriebsfertig auf dem Mahlboden. Die Flügel können heute elektrisch bewegt werden. Beachtenswert ist der Fuchs auf dem Fangstock. Er entspringt altem Aberglauben. Die Mühlen gerieten durch das Reiben der Bremsen (Holz auf Holz), wenn diese z.B. bei Sturm nicht fest genug angezogen waren, leicht in Brand. Der Fuchs, so der Aberglaube, holt das Feuer aus der Mühle.

Die Geschichte der Windmühle in Wiesedermeer ist indem Buch von Heinrich Behrends Die Geschichte des Dorfes Wiesedermeer und seiner alten Familien" ausführlich beschrieben. Zusätzlich soll nicht unerwähnt bleiben, daß mit Hilfe von Schöpfmühlen das Große Wieseder Meer im Jahre 1785 im 2. Versuch trockenge­legt wurde und besiedelt werden konnte.

Der Kolonist Johann Dirk Gellermann besaß in Wiesedermeer im Jahre 1861 eine Land- und Gastwirtschaft und einen Kramladen. Für seinen geschäftlichen und häuslichen Bedarf baute er sich eine kleine Windmühle (Roßmühle), die bei windstillen Tagen von einem Pferd (Roß) in Gang gesetzt werden konnte. Der geschäftstüchtige Müller kam bald auf die Idee, das Getreide auch für die anderen Landwirte in Wiesedermeer und der näheren Umgebung zu mahlen. Diese Betriebserweiterung war jedoch von einer Konzession abhängig, die Gellermann im Jahre 1861 über das Amt Wittmund/Friedeburg bei der Landdrostei in Aurich be­antragte. Aus dem Begleitschreiben des Amtes Wittmund / Friedeburg entnehmen wir folgendes:<

,,Der Krämer und Gastwirt Johann Dirk Gellermann besitzt seit längerer Zeit eine Roßmühle zum Haushalt und zum Bedarfe eigener weiterer Verarbeitung seines Korns und zum Verkaufe des Mehls. Mit dem samt den eingeschlossenen Akten vorgelegten Gesuch bittet derselbe um die Erlaubnis, auf dieser Mühle auch für andere mahlen zu dürfen. Der eingeholte Bericht des Amtvogts zu Friedeburg be­fürwortet die Konzessionserteilung. Für die Ortschaften Groß- und Kleinwieseder­meer mit zusammen 224, Upschört mit 152 und Rispelerhelmt mit 104 Einwohnern erscheint die Mühlenanlage als ein Bedürfnis, indem die nächste Mühle zu Reepsholt über eine Meile entfernt liegt und der Weg dorthin bei nasser Witterung schlecht und mitunter unpassierbar ist. Die Einwohner der genannten Ortschaften sind sämtlich herrschaftliche Kolonisten und durchweg unbemittelt, auch mit we­nigen Ausnahmen halten sie kein Spannwerk.

Unter diesen Umständen geben wir der königl. Landdrostei gehorsamst anheim, zunächst die durch § 51 der Gewerbeordnung vorgeschriebene Edictalladung verfügen zu wollen.

Die im Jahre 1866 errichtete acht Meter breite und elf Meter hohe Mühle war imstande, 34 Zentner Getreide in der Stunde zu mahlen. Der Flügelkreis hatte einen Durchmesser von 18 Metern.

Die Mühle sollte ihrem Erbauer Gellermann kaum Freude bereiten. Sie brachte ihm wenig ein, so daß er die Mühle einer Bremer Firma übereignen mußte. Pächter und späterer Eigentümer der Mühle wurde der Wiesedermeerer Lüke Otten, der mit Unterstützung seines Bruders Berend Otten viele Jahre die Mühle betrieb.Durch Einheirat gelangte die Mühle später an den aus Wiesede stammenden Heye Dirks. Heye Dirks betrieb die Mühle bis nach dem ersten Weltkrieg. Nachfolger auf der Mühle wurde sein Sohn Lüke Dirks, der die Mühle bis nach dem zweiten Welt­krieg führte. Ab 1945 wurde die Mühle an den aus dem Jeverland stammenden Arnold Jacobs verpachtet. Er reparierte die Windmühle, versah sie mit einer neuen Kappe und einem neuen Flügelpaar. Bis 1950 konnte das Getreide noch mit Windkraft gemahlen werden. Jacobs mußte nunmehr auf Motorkraft umsteigen, da das zweite Flügelpaar baulich nicht mehr in Ordnung war. Mit dem Jahr 1954 kam die Mühle völlig zum Stillstand. Die Aufträge der Bauern blieben aus und der Mühlen­betrieb wurde unrentabel.

Im Jahre 1955 verkaufte Lüke Dirks das Mühlengrundstück und die alte Windmühle für 600 DM an die Raiffeisengenossenschaft Wiesedermeer. Der Vorstand der Genossenschaft versuchte zwar, die alte Mühle zu retten, da aber in diesen Jahren kein großes öffentliches Interesse für den Erhalt der Mühle vorhanden war und staatliche Zuschüsse fehlten, schien ein Abbruch unvermeidlich zu sein. Auf Vermittlung des Mühlenbauers Böök aus Dunum konnte die abhängige Windmühle an das Deutsche Museum verkauft werden. Damit wurde die Wiesedermeerer Mühle vor dem endgültigen Verfall bewahrt.