Auszüge aus dem 1. Protokollbuch der Gemeindeversammlung - u. a. Wegebau

Der Gemeindevorsteher Hermann Otten Dannemann hatte viel für die Gemeinde getan durch Wegebaumaßnahmen, Entwässerung und Bemühungen, um Vergrößerungen im angrenzenden Hochmoor für die Gemeinde zu bekommen. Er war es auch, der das erste noch vorhandene Protokollbuch von 1879 anlegte. Von da ab konnte man die anberaumten Gemeindeversammlungen mit ihren Beschlüssen besser verfolgen. Im März 1883 wurde sein Sohn Gerd Otten Dannemann zum neuen Gemeindevorsteher gewählt. Er hatte dieses Amt bis 1921 bekleidet.

Aus dem alten Protokollbuch kann man ersehen, daß es viel Ärger gab um den Wegebau der Landstraße von Rispel nach Wiesedermeer. Bis zur Gemeindegrenze zwischen Rispelerhelmt und Wiesedermeer war die Klinkerstraße 1878 fertiggestellt. Nur die Fortsetzung durch das Dorf verzögerte sich immer wieder, weil die Gemeinde den Ausbau nicht allein übernehmen wollte. Erst am 30. Juni 1882 wurde folgender Beschluß von den Gemeindemitgliedern gefaßt:

,,Die Gemeinde Wiesedermeer übernimmt den landstraßenmäßigen Ausbau betr. die Fertigstellung der noch nicht besteinten Strecke der Straße Rispel - Wiesedermeer nach Maßgabe und soweit ihr ausreichende Beihilfe gewährt wird und sodann auch die demnächstige Unterhaltung der fertiggestellten Straße zu Lasten der Gemeinde."

Dieser Beschluß genügte der Verwaltungsbehörde in Wittmund nicht. Am 9. Dezember 1882 wurde eine neue Gemeindeversammlung unter Vorsitz des Amtsvogts aus Friedeburg einberufen. Zu ihr wurden alle Gemeindemitglieder unter Androhung einer Strafe von zwei Mark geladen. Von den 33 stimmführenden Kolonatsbesitzern waren 27 mit 31 Stimmen erschienen. Beschlossen wurde, nach anschlagsmäßiger Darstellung der Rechnung die unbesteinte 814 und 744 m lange Strecke des Gemeindeweges auf Kosten der Gemeinde zu übernehmen. In einer Gemeindeversammlung vom Juli 1890 wurde die Fortsetzung der besteinten Gemeindestraße von der Kleyhauerschen Gastwirtschaft, bei der die Straße von Rispel nach Wiesedermeer aufhörte, bis zu dem mittlerweile fertiggestellten Ems-Jade-Kanal beschlossen. Der Bau wurde aus Gemeindemitteln und dem Kreiskommunalverband bestritten.

Die Kolonisten in Wiesedermeer konnten nach der Verlängerung der von Rispel kommenden Straße bis zum Ems-Jade-kanal von einer in der Nähe der Straße angelegten Anlegestelle bequem Schlick und mit menschlichen Exkrementen beladene Tonnen, die im Volksmund kurz als ,,Tünnen" bezeichnet wurden, als willkommene Ergänzung des Stalldüngers abfahren, nachdem beide Arten von Dünger zu Schiff von Wilhelmshaven herangebracht waren. Das ganze Straßensystem, das nun bestand, erleichterte den Absatz von Torf in und bei Wittmund und Jever sowie den Besuch von Märkten in den größeren Orten, der regelmäßig mit dem Ankauf von Gerätschaften für den landwirtschaftlichen Betrieb oder sonstigen Einkäufen verbunden wurde. Wenn der Mann mit einem Fuder Torf nach Wittmund fuhr, konnte die Frau mitfahren, um Eier und gekarnte Butter an Geschäftsleute zu verkaufen oder gegen Kolonialwaren, insbesondere Tee, zu tauschen. In einigen Wittmunder Geschäften war es in solchen Fällen üblich, daß den Frauen vor dem Ladentisch Stühle hingestellt und einige Tassen Tee kredenzt wurden.

Den weitaus größten Vorteil aber boten die Landstraßen den Kolonisten in Wiesedermeer dadurch, daß nun viele ,,Kleiburen" aus dem Jeverland dazu übergingen, den Torf für ihren Hausbrand sich aus dem Hochmoor bei Wiesedermeer selbst zu holen, indem sie mit zwei großen Leiterwagen, vor die zwei Pferde gespannt wurden, dorthin fuhren. Natürlich mußten sie sich zu diesem Zwecke mit Kolonisten in Verbindung setzen, die ihnen Torf verkauften. Viele Kolonisten in Wiesedermeer hatten bestimmte jeverländer Bauern als ständige Kunden, die ihnen jedes Jahr eine bestimmte Anzahl von Fudern abnahmen. Entsprechend berechneten die Torfmoorbesitzer, wieviel Torf sie graben mußten. Umgekehrt war es genauso, daß die Kolonisten von hier mit zwei Fudern Torf morgens um 3 Uhr abfuhren bis weit ins Jeverland hinein (Hohenkirchen, Minsen usw.), und abends spät kehrten sie dann mit zwei Fudern Heu oder Stroh zurück. Besser bestellt wurde es erst für die Landwirtschaft, als man sah, wie in Marcardsmoor, der angrenzenden Hochmoorgemeinde, mit Kunstdünger bessere Erträge herausgewirtschaftet wurden. Die jungen Leute im Dorf hatten es nicht leicht, denn sie mußten schwer arbeiten, doch ihre karge Freizeit wußten sie gut zu nutzen. An den Sonntagnachmittagen stand das Boßeln für die jungen Männer an erster Stelle, im Winter wurde auch mit dem Kloot geworfen. Nach einem Boßelwettkampf gegen Rispel gründeten unsere Urgroßväter und Großväter schon 1899 den Klootschießer- und Boßelerverein ,,Frisch weg" Wiesedermeer. Er war der erste Verein dieser Art in Ostfriesland.